Quelle: IHK Osnabrück
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Ende April wurde Andree Westermann (Gründer und Geschäftsführer GVO Personal GmbH) in Osnabrück von Dr. Beate Bößl (Projektleiterin Öffentlichkeitsarbeit bei der IHK Osnabrück) zu der aktuellen wirtschaftlichen Lage in Deutschland interviewt.

Im nun erschienenen Artikel „Der Mittelstand braucht zielgenaue Hilfen" lässt Andree Westermann die vergangenen Wochen Revue passieren und gibt einen Ausblick auf zukünftige Themen.

Dr. Beate Bößl: Seit März haben sich die Wirtschaft und auch die Welt verändert. Wie lautet ihre bisherige Zusammenfassung dieser, in vielerlei Hinsicht, herausfordernden Zeit, Herr Westermann?

Andree Westermann: Ich bin zunächst erschrocken darüber, dass in einer atemraubenden Geschwindigkeit, wichtige Grundrechte unserer Gesellschafft weitgehend eingeschränkt wurden. Die politischen Begründungen dafür waren und sind teilweise chaotisch, teilweise widersprüchlich. Erst hieß es, Masken seien eher schädlich, jetzt heißt es Maskenpflicht. Meinungsführer waren Virologen in Talkshows mit komplexen Sachverhalten, die gleichzeitig Begründungen für Lockerungen lieferten wie die Begründung der Beibehaltungen von Verboten. Erst hieß es, die Reproduktionsrate der Ansteckungen müsse unter eins sein, jetzt ist sie unter eins, aber nun heißt es in der Bundesregierung, es sei zu früh für Lockerungen. Oberstes Ziel zu Beginn der Pandemie war eine Überforderung der Intensivmedizin zu verhindern. Jetzt beklagen Kliniken, dass sie halb leer stehen. Erst setzte die Politik auf das Prinzip der Kontaktbeschränkungen statt pauschaler Mobilitätsbeschränkungen, dann haben aber einige Bundesländer massive Mobilitätsbeschränkungen wie innerdeutsche Einreiseverbote ausgesprochen, was in einer innerdeutschen Fremdenfeindlichkeit und mit offensiven Aufforderungen zum Denunziantentum gipfelte.

Bis heute – am Ende der dritten Aprilwoche – ist mir nicht klar, was eigentlich die Strategie ist. Mit welchen Maßnahmen und unter welchen Umständen und erreichten Meilensteinen ist der Weg zurück zur „Normalität“ geplant? Dass sich die Deutschen bisher überwiegend besonnen verhalten haben, lag nach meiner Einschätzung eher an Eigenverantwortung, als an klarer politischer Führung. Auf Dauer kann das aber nicht funktionieren.

Für mich zeichnet sich politische Führung nicht dadurch aus, möglichst schnell Verbote und Einschränkungen einzuführen. Politische Führung zeigt sich beim Weg aus der Krise, also wenn staatliche Verbote wieder durch private Verantwortung ersetzt werden. Eine kluge Pandemiebekämpfung muss danach streben, eine nachvollziehbare Strategie zu entwickeln, die die Bürger einbezieht und überzeugt, um so letztlich ihr Handeln nachhaltig zu verändern. Dass die wichtigen Indizes, das Konsumklima und das Geschäftsklima auf historischen Tiefständen sind, liegt auch an einer fehlenden Exitstrategie.

Die weltweite Krise betrifft mit ihren wirtschaftlichen Konsequenzen nicht nur die Tourismus- und Luftfahrtbranche. Fast der gesamte Mittelstand ist betroffen. Für Deutschland, mit seiner Hotel-, Kongress- und Messeindustrie als bedeutender „Meeting Point“ in der Welt, ist der absolute „Worst Case“ eingetroffen. 

Dr. Beate Bößl: Am GVO-Stammsitz in Osnabrück und in den ca. 50 Niederlassungen sind rund 150 Mitarbeiter tätig, insgesamt wird von hieraus die Arbeit von bis zu 7000 Mitarbeitern koordiniert. Wie machte sich die Krise bei Ihnen bemerkbar? Viele Ihrer Mitarbeiter können Sie derzeit nicht weiterbeschäftigen. Was macht das mit Ihnen selbst, wohin richtet sich Ihre Sorge?

Andree Westermann: Nachdem in der zweiten Märzwoche fast täglich die Maßnahmen verschärft und unsere Kunden und wir mit einer Flut von Auftragsabsagen konfrontiert wurden, mussten wir einen ersten größeren Teil unseres Teams entlassen. Da die Zeitarbeit zu dem Zeitpunkt gesetzlich von der Möglichkeit der Kurzarbeit noch gänzlich ausgeschlossen wurde, konnten wir sie für diese erste „Welle“ mit rund 2.000 Mitarbeitern nicht in Anspruch nehmen. Ein weiterer Teil sowie die Führungskräfte und Verwaltungsmitarbeiter in Osnabrück und in unseren Niederlassungen sind seit dem 01.04. in Kurzarbeit.

Besonders nah ging mir die Entscheidungen, den vielen geringfügig Beschäftigten und Studenten zu kündigen, die weder die Möglichkeit in Kurzarbeit zu gehen noch Anspruch auf Arbeitslosengeld haben. Insbesondere für unsere neuen Kollegen in den Theatern tat mir das persönlich sehr leid. 

Unsere operativen Mitarbeiter gehören, wie auch die meisten Mitarbeiter in unseren Kundenbetrieben, nicht zu den „Gutverdienern“, ihre Einkommenseinbußen von bis zu 40 % lassen sich in der Kurzfristigkeit kaum kompensieren. Dazu kommt, dass die bisher einkalkulierten Trinkgelder, die je nach Gastronomiebereich einen erheblichen Anteil ausmachen, überhaupt nicht ausgeglichen werden können. Wenn ich dann den Entwurf aus dem Gesundheitsministerium lese, dass Zahnärzte 90 % der Vergütung aus dem letzten Jahr bekommen sollen, macht mich das sprachlos. Wo ist eigentlich die Lobby für die über 1,5 Millionen Beschäftigten in der Gastronomie in Deutschland?

Dr. Beate Bößl: Ihr Unternehmen, das 1994 gegründet wurde, ist in unterschiedlichen Branchen tätig…     

Andree Westermann: Unser Leistungsportfolio umfasst bei der GVO Personal, vor allem die Übernahme von personalintensiven Dienstleistungen rund um die Hospitality- und Cateringindustrie. Zwei Tochterunternehmen, eines für Studentenjobs (GVO Studyheads) und eines für das Management von Vorderhäusern und Kultureinrichtungen (GVO FOH) runden unser Dienstleistungsangebot ab.

Dr. Beate Bößl: Sind die Auswirkungen der Krise in allen Bereichen gleich stark? Oder gab es auch Bereiche, die sich gerade in der Krise als stark erwiesen haben?

Andree Westermann: Durch die gesetzliche Untersagung von Veranstaltungen jeglicher Art sind die Geschäftsfelder in den Bereichen ‚Hospitality‘ und ‚Kultureinrichtungen‘ vorübergehend eingestellt worden. Im Cateringbereich sind wir auch Partner von Kliniken und Pflegeeinrichtungen, hier können wir nach wie vor mit unseren Teams unterstützen. Außerdem liefern unsere Studenten einen wichtigen Beitrag mit den Einsätzen in der Logistik und in den Supermärkten, vor allem mit der Kommissionierung und als „Doorman“.

Dr. Beate Bößl: Die Krise setzt in vielen Branchen Kreativität frei und befördert die Digitalisierung – Bereiche, in denen Sie vermutlich ohnehin gut sind. Gibt es in all dem Umbruch und der Unruhe trotzdem etwas, das Sie besonders beeindruckt hat und das Sie ermutigt?

Andree Westermann: Ich denke, dass diese Krise, je länger sie andauert, zu einer disruptiven Veränderung in unserem Zielmarkt führen wird. Die Auswirkungen auf unsere Geschäftsfeldern können wir nur mit strategischer Flexibilität begegnen, es beginnt nun die Zeit um Wichtiges von Unwichtigen zu unterscheiden. Retrospektiv bieten Krisen auf Sicht auch wieder großartige Chancen – unsere Kernkompetenzen werden sich wandeln und neue Geschäftsfelder und Märkte müssen erschlossen werden.

Der wesentliche Erfolgsfaktor der GVO ist ihr außergewöhnliches Mitarbeiterteam. Mit Kreativität, Teamgeist und Engagement werden wir auch diese Phase nutzen, um uns und die Unternehmung weiterzuentwickeln. Beeindruckt hat mich, wie unsere Mitarbeiter für die Supermärkte sofort und engagiert trotz erhöhtem Risiko dort Jobs angenommen haben. Die Krise hat viele Heldinnen und Helden des Alltags hervorgebracht.

Dr. Beate Bößl: Die Schließungen und Öffnungen im Handel und Dienstleistungsbereich wurden und werden kontrovers diskutiert. Wie erleben Sie das?

Andree Westermann: Für mich ist es nicht nachvollziehbar, geht es nun um die Gesamtfläche, um die Anzahl Menschen pro qm oder um die integrative Leistungserbringungen mit dem Kunden? Warum soll ein Gastronomiebetrieb, vor allem der mit einer Außengastronomie, diese Anforderungen grundsätzlich nicht erfüllen können? Das auch jedes Bundesland die Maßnahmen anscheinend anders bewertet, trägt ebenfalls wenig zur Vertrauensbildung bei. Das Dilemma der Politik ist, dass es sehr einfach ist, Verbote auszusprechen, aber sehr kompliziert ist, einheitliche Parameter für eine sukzessive Öffnung festzulegen.

Dr. Beate Bößl: Was wünschen Sie sich für das zweite Halbjahr 2020?

Andree Westermann: Ich setzte darauf, dass die jetzt nötigen Wachstums- und Investitionsprogramme nicht nach dem Muster verlaufen „Wer die beste Lobby hat, bekommt eine Subvention“. Es darf nicht sein, dass bei den Großen der Bundesadler kommt und bei den Kleinen der Pleitegeier. Wir sind das Land des Mittelstandes und deswegen brauchen wir zielgenaue Hilfen und steuerliche Entlastungen. Bei manchen Diskussionen, wie die Einführung eines Rechtes auf Heimarbeit oder eine Einführung einer Vermögensteuer, mache ich mir Sorgen, ob der Ernst der Lage wirklich verstanden worden ist. 
Ich wünsche mir, dass die massiven Einschränkungen so erfolgreich sind, wie es sich alle erhoffen und Zuversicht und Optimismus wieder zurückkehrt. Passend dazu finde ich die berühmte Rede von Franklin Roosevelt zu Beginn der „Großen Depression“: „Lassen Sie mich meine feste Überzeugung zum Ausdruck bringen, dass das Einzige, was wir fürchten müssen die Furcht selbst ist, sie ist eine namenlose, unlogische, ungerechtfertigte Angst, die jene Anstrengung paralysiert, die wir brauchen, um aus einem Rückzug einen Vormarsch zu machen“.